»Am Anfang stand gar keine große Strategie – sondern die einfache Beobachtung, dass Menschen mit Beeinträchtigung im Betrieb nicht nur mithalten, sondern oft mit beeindruckender Motivation arbeiten.« Aus dieser Erfahrung entwickelte sich in dem mittelständischen Garten- und Landschaftsbaubetrieb Münsterland Plus in Greven der Impuls, Inklusion nicht als Zusatz, sondern als festen Bestandteil des Unternehmens zu verankern. Jens Korber, Geschäftsführer, Ingenieur des Landschaftsbaus und anerkannter Sachverständiger, beschreibt diesen Moment rückblickend so: »Wir hatten die Mitarbeitenden bereits im Team. Da war es ein logischer Schritt, daraus etwas Verlässliches zu machen.«
Das Unternehmen, 2011 gegründet und stetig gewachsen, entschied sich daher für den Aufbau einer Inklusionsabteilung – nicht als abgeschlossene Einheit, sondern als flexibel organisierte Struktur mit mindestens drei Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderungen. »Auch die Mitarbeiter mit körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen wollen etwas leisten. Und wir erwarten von allen hundert Prozent. Es gibt keine Sonderbehandlung«, betont der Unternehmer. Offenheit über individuelle Einschränkungen gehöre dazu – ebenso wie der Anspruch, dass die Abläufe funktionieren müssen. »Es gibt gute und schlechte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – unabhängig davon, ob jemand eine Behinderung hat.« Ein Mitarbeiter beispielsweise sei sehr vergesslich. Er schreibe sich die anstehenden Arbeiten jetzt immer auf. So sei er ein wertvoller Helfer für den Betrieb. Und es gebe immer auch einfachere Arbeiten, die aber auch wichtig seien, so Korber.
Mit Unterstützung des LWL und der Unternehmensberatung der HWK wurde die Einrichtung einer Inklusionsabteilung im Jahr 2021 systematisch vorbereitet. In einem ersten Gespräch klärte man zentrale Fragen zur Ausgestaltung, Förderung und Personalgewinnung. Auf Basis einer betriebswirtschaftlichen Stellungnahme von Inklusionsberaterin Claudia Stremming konnten schließlich vier geförderte Inklusionsarbeitsplätze geschaffen werden, die – wie alle anderen – vollständig in den regulären Betriebsablauf integriert sind und in verschiedenen Teams sowie Aufgabenbereichen mitwirken. »Mit den Investitionszuschüssen konnten wir drei Doppelkabinenfahrzeuge anschaffen.« Die Abteilung entwickelte sich schnell positiv; die Krankenquote liegt bis heute unter dem Durchschnitt.
2025 folgte die Erweiterung um drei weitere Arbeitsplätze sowie die Einrichtung einer neuen Inklusionsabteilung im zuvor zusätzlich aufgebauten Maurerbetrieb, dem Korber Bauunternehmen. Auch hier übernahm die HWK die wirtschaftliche Prüfung. Für den Unternehmer bleibt der Grundgedanke unverändert: »Keiner wird hier in Watte gepackt – aber jeder bekommt die Chance, sich zu beweisen.« Aus einem praktischen Impuls ist so ein tragfähiges, wachsendes Inklusionsmodell entstanden, das wirtschaftliche Stabilität mit sozialer Verantwortung verbindet.
Im Sommer 2024 wandte sich das Autohaus Voss aus Rosendahl erstmals an die Einheitliche Ansprechstelle für Arbeitgebende (EAA) der Handwerkskammer Münster, um sich über inklusive Beschäftigung und Fördermöglichkeiten zu informieren. »Soziales Engagement ist uns wichtig – wir wollten wissen, wie wir Inklusion im Betrieb gut und rechtssicher umsetzen können«, erklärt Kraftfahrzeugtechnikermeister und Geschäftsführer Niklas Voss. Ausgangspunkt waren zwei bereits eingestellte Mitarbeiter mit Beeinträchtigungen, für die langfristige Perspektiven geschaffen werden sollten.
Bei einem Beratungstermin im Betrieb wurden die individuellen Situationen der Beschäftigten betrachtet. Ein Mitarbeiter, der infolge eines Arbeitsunfalls dauerhaft körperlich eingeschränkt ist, war bereits im Bereich der Fahrzeugaufbereitung tätig und sollte unbefristet eingestellt werden. »Für uns war klar: Er gehört zum Betrieb.« Im Rahmen der Beratung wurde auf die Möglichkeit der Gleichstellung hingewiesen. »Das war ein entscheidender Hinweis, weil sich dadurch weitere Fördermöglichkeiten eröffnet haben.« Nach erfolgreicher Beantragung konnte ein Investitionskostenzuschuss beantragt werden.
Ein weiterer Mitarbeiter war im Bereich der Hausmeistertätigkeiten beschäftigt. Er kann nicht lesen und schreiben, arbeitet jedoch zuverlässig im praktischen Alltag. Auch hier wurde eine Förderung geprüft. »Nicht jeder kann alles, aber jeder kann etwas beitragen«, ist Voss‘ Erfahrung. Auf Anregung der EAA wurden beide Vorhaben zusammengeführt. »Wenn wir Verantwortung übernehmen, dann richtig«, beschreibt Voss die Einstellung des Familienbetriebs, den er zusammen mit seinem Bruder Jonas Voss – ebenfalls Meister und Geschäftsführer – vom Vater übernommen hat. Der Förderantrag beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe wurde mit Unterstützung der gestellt.
Parallel dazu wurde mit Unternehmensberaterin Annette Averesch über die langfristige Entwicklung gesprochen. »Inklusion soll bei uns kein Einzelfall bleiben«, so Voss. Im Beratungsgespräch entstand erstmals die Idee, perspektivisch eine eigene Inklusionsabteilung im Betrieb aufzubauen. »Dafür brauchen wir klare Strukturen und Planungssicherheit.«
Ende 2024 wurden die Investitionskostenzuschüsse bewilligt. Gefördert wurden unter anderem eine Zwei-Säulen-Hebebühne sowie eine Lagerbühne mit Treppe. »Diese Investitionen erleichtern den Arbeitsalltag ganz konkret.« Kurz darauf stellte der Betrieb eigenständig einen weiteren Mitarbeiter mit Behinderung ein.
Heute beschäftigt das Autohaus insgesamt 50 Mitarbeiter, davon drei Menschen mit Behinderung. Die notwendige Begleitung wird im Team organisiert. »Das soziale Engagement tragen wir gemeinsam.« Besonders geschätzt werden Einsatzbereitschaft und Zuverlässigkeit. »Am Ende zählt, was jemand leistet.«
Die soziale Haltung des Unternehmens ist auch durch persönliche Erfahrungen und Schicksale in der Familie geprägt. Der verstorbene Vater und Gründer Ralf Voss, früherer Seniorchef, war selbst für eine begrenzte Zeit aufgrund einer schweren Erkrankung behindert gewesen. »Da haben wir erlebt, wie schnell man auf Unterstützung angewiesen sein kann.« Diese Erfahrung wirkt nach. »Soziales Engagement ist keine Pflicht, sondern eine Haltung«, betont Niklas Voss.
In Westfalen-Lippe sind rund 25.000 schwerbehinderte Menschen arbeitslos. Etwa 170 Inklusionsbetriebe und -abteilungen, darunter 19 Handwerksunternehmen im Kammerbezirk Münster, beschäftigen insgesamt 4.350 Mitarbeiter, wovon die Hälfte Menschen mit Behinderungen sind.
Der LWL finanziert die Beratung der HWK. Diese ist für Betriebe kostenfrei.